Martin Luther und die Reformation des Herzens
Gedanken zum Reformationstag

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 27.10.2014, aktualisiert: 22.01.2018

Einleitung

Martin Luther ist ein Mann, der die Geschichte Deutschlands und sogar ganz Nordeuropas stark beeinflusst hat. Er wurde in Eisleben am 10. November 1483 geboren, heiratete mit zweiundvierzig Jahren die sechzehn Jahre jüngere Katharina von Bora und hatte mit ihr sechs Kinder. Wiederum in Eisleben schließt sich der Kreis: Luther wird am 18. Februar 1546 zu seinem Herrn gerufen.

Viele mögen sich seines gewaltigen Einflusses nur wenig bis gar nicht bewusst sein. Luther reformierte nicht nur die Kirche, sondern er gab den Deutschen durch die Übersetzung der Bibel ins Deutsche auch eine gemeinsame Schriftsprache, so dass er zur Einheit Deutschlands einen wesentlichen Beitrag geleistet hat. Als 2003 der Film „Luther“ erschien, trug er den Untertitel: „Er veränderte die Welt für immer“.

Geschichte zur Zeit der Reformation

Die Reformen Luthers hatten gewaltige Auswirkungen auf die Politik, Kultur und Religion. Im Mittelalter waren Politik und Religion auf das Engste miteinander verzahnt. Der junge römisch-deutsche Kaiser Karl V. (der allerdings kein Deutsch sprach), der zu seiner Zeit der mächtigste Mann in Europa war, stand auf der Seite des Papstes in Rom. Sich mit Rom und dem Papsttum anzulegen, bedeutete, sich mit den mächtigsten Kräften der damaligen Welt anzulegen. Luther selbst ging wegen seiner eigenen schwachen körperlichen Konstitution immer davon aus, dass ihm kein langes Leben beschieden sein würde.

Bevor Luther mit seinen Reformen begann, waren bereits die böhmischen Reformatoren Jan Hus (1415) und Hieronymus von Prag (1416) als Märtyrer gestorben, weil sie ihre Lehren und Reformen nicht widerrufen wollten. Als Luther vor dem Reichstag in Worms stand, musste er mit allem rechnen, und er war bereit, für die Sache Christi sogar zu sterben. Er sagte: „Wenn so viele Teufel zu Worms wären als Ziegel auf den Dächern, so wollte ich dennoch hinein.“ Luther widerrief seine Schriften nicht und wurde von Kaiser Karl V. mit der Reichsacht belegt, das heißt, Luther wurde rechtlos und vogelfrei gestellt. Gott führte es in der Folge so, dass Luther für knapp ein Jahr auf der Wartburg versteckt gehalten wurde und dass Kaiser Karl V. so sehr mit verschiedenen Kriegen beschäftigt war, dass er sich nicht um ein scheinbar kleines Mönchlein kümmern konnte. Die Weltgeschichte spielte Luther eindeutig in die Hände. Sprüche 21,1 bewahrheitete sich: „Wasserbächen gleicht das Herz eines Königs in der Hand des HERRN; wohin immer er will, neigt er es.“

Die Vorbereitung eines Werkzeuges Gottes

Die Wege Gottes mit den Menschen sind oft nur schwer zu begreifen. Während ein Hus und ein Hieronymus noch ihr Leben lassen mussten, wurde Luther letztlich doch verschont. So war es bereits zu Beginn des Christentums, wenn wir in Apostelgeschichte 12 einerseits von Petrus’ Gefangennahme und seiner Befreiung lesen und andererseits von Jakobus, der zum ersten christlichen Märtyrer wurde (Apg 12,2).

Gott hatte Martin Luther dazu auserkoren, sein Werkzeug zu sein. Wenn wir die Kindheit und Jugend Luthers studieren, dann wird klar, auf welch einzigartige Weise Gott seine Diener vorbereitet. Luther war durchaus keine starke Persönlichkeit. Er litt lange Zeit unter schweren, finsteren Gedanken. Heute würde man dies Depressionen nennen.

Der evangelische Theologe und Kirchengeschichtler Jean-Henri Merle d’Aubigné (1794–1872) sagte:

Nur wer die Reformation in Luthers Herzen genau kennt, hat den Schlüssel zur kirchlichen Reformation.

Andrew MIller schrieb:

Es ist ein Charakterzug der Handlungsweise Gottes, durch kleine Mittel und schwache Werkzeuge große Resultate zu erzielen, damit stets die Macht Gottes und nicht die des Menschen ans Licht trete und Ihm alle Ehre dargebracht werde.

Martin Luther musste erst einmal eine Reformation seines Herzens erleben, bevor Gott ihn für die Reformation der Kirche als Werkzeug gebrauchen konnte.

Das Mittelalter war in der Tat eine finstere Zeit. Menschen wurden unter dem römischen Joch durch Angstmacherei vor der Hölle unterjocht. Da keiner eine Bibel hatte, ja nicht einmal lesen konnte, glaubte man den Kirchenführern alles und tat auch alles, um nicht in die Hölle zu kommen. Luther kämpfte um Erlösung seiner Seele, er kämpfte mit sich und dem Satan und wollte quasi das, was nur Christus tun konnte, selbst tun. Armin Sierszyn, ein zeitgenössischer Theologe und Kirchengeschichtler, schreibt:

Luther kämpfte gegen Lust und Begierden, betete ganze Nächte auf Knien und fastete, er trat vor allen seinen Genossen hervor in Wachen, Fasten und Kasteiungen … er suchte Frieden durch religiöse Übungen …

Später sagte Luther selbst über diese Zeit:

Ich bin wirklich ein frommer Mönch gewesen und habe die Regeln meines Ordens strenger befolgt, als ich nur sagen kann. Wäre je ein Mönch durch seine Möncherei in den Himmel gekommen, so wäre ich es. … Hätte ich das noch lange fortgesetzt, so würde ich mich durch Nachtwachen, Gebete, Fasten und andere Arbeiten zu Tode gemartert haben.

Luther hatte, bis er zwanzig Jahre alt war, noch keine Bibel gesehen. Er kannte lediglich das, was sonntags in der Kirche aus den Evangelien vorgelesen wurde. Es war an der Universität in Erfurt, wo er zum ersten Mal in einer Bibel las. Immer wieder suchte er die Bibliothek auf, um in diesem Buch zu lesen. Er suchte nach Erlösung. Als ein guter Freund plötzlich starb, machte das auch auf den jungen Luther einen großen Eindruck. Er fragte sich, was wohl mit ihm passieren würde, wenn er plötzlich aus dem Leben abberufen würde. Er hatte Angst vor der Hölle. Luther wurde zwar im christlichen Glauben erzogen, hatte aber keinen Frieden mit Gott. Als er auf dem Weg nach Erfurt bei Stotternheim in ein großes Unwetter kam und der Blitz direkt neben ihm einschlug, tat er ein Gelübde, dass er Mönch werden wollte. Dies lässt sich nur aus seinem inneren Zustand und Schreien um Erlösung erklären. Ob dieser Blitzschlag wie überliefert stattgefunden hat, ist übrigens nicht gesichert. Später formulierte Luther es selbst so, als habe ihn der Himmel selbst überrumpelt. Wer in jener Zeit Frieden für seine Seele finden wollte, ging ins Kloster.

Bereits vierzehn Tage später lud er seine Mitstudenten ein und verabschiedete sich von der Universität in Erfurt – zum großen Leidwesen seines Vaters und seiner Mitstudenten. Noch in der gleichen Nacht klopfte er an die Tür des Augustinerklosters in Erfurt. Luther hatte sich bereits einen Ruf an der Universität in Erfurt erworben, und es war demütigend, dass er nun von Haus zu Haus ging, um für den Orden zu betteln. Im Kloster gab es eine Bibel, die an einer Kette lag; hier las Martin Luther, sooft es ging. Es war eine handgeschriebene Bibel, die damals so teuer war wie ein ganzer Bauernhof.

Der Einfluss von Doktor Staupitz

Doktor Staupitz, der Generalvikar des Augustiner-Ordens in Deutschland, hatte auf Luther einen heilsamen Einfluss. Er schenkte ihm eine Bibel mit dem Rat, sie stets seine Hauptbeschäftigung sein zu lassen. Staupitz nahm Luther die Beichte ab, er bemerkte Luthers Ringen und seinen Kampf. Endlich wies er Luther auf Christus und sein Kreuz. Bruder Martin sollte nicht auf einen zornigen Gott seiner Sünde wegen schauen, sondern auf Christus, der am Kreuz die Sünden getragen hat, und auf seine Wunden. Auf Christus zu schauen, würde bedeuten, auf die Barmherzigkeit Gottes zu sehen. Das war es, was Luther nötig hatte.

In der heutigen Zeit hat man es fast vergessen, dass Gott auch „ein verzehrendes Feuer“ (Heb 12,29) ist und dass der Zorn Gottes auf jedem bleibt, der sich nicht zu Christus wendet (Joh 3,36). Heute spricht man so viel von dem barmherzigen und „lieben“ Gott, der so „lieb“ sein müsse, dass Er alle Menschen retten muss, egal, ob sie sich zu Christus wenden oder nicht. Damals war Gott nicht mehr als ein zorniger Gott, der Menschen mit Freude in die Hölle schickte. Heute hat man Gott vielfach zu einer verweichlichten Witzfigur gemacht.

Staupitz machte Luther klar, dass Gott nicht zornig auf ihn wäre, sondern dass er (Luther) zornig auf Gott wäre. Das war der Anfang der Befreiung aus einer jahrelangen Knechtschaft, in der es für Luther nur den zornigen Gott, aber nicht den Gott der Barmherzigkeit und Gnade gab. Man kann vielleicht sagen, dass Luther hier seine Bekehrung erlebte, aber das Haus der Knechtschaft sollte er erst später in Wittenberg verlassen. Immer wieder verfiel Luther in finstere seelische Kämpfe. Um seine Seele wurde es nur langsam hell. Denn auch Staupitz kannte neben der Gnade auch das Heil aus Werken. Dieses Schwanken würde Luther auf Dauer jedoch nicht befriedigen können.

Luther bekommt Frieden mit Gott

Wann Luther wirklich Frieden für seine Seele fand, ist auch bei den Geschichtsschreibern umstritten. Es war wohl in der Zeit in Wittenberg, wo er als Professor der Theologie unterrichtete. In den Jahren 1513–1518 standen Vorlesungen über die Psalmen und über die Briefe an die Römer, Galater und Hebräer auf der Tagesordnung. Manche Geschichtsschreiber berichten gar von einem „Turmerlebnis“, wo Luther beim Studieren über Römer 1,17 „die Pforten des Paradieses“ gesehen habe. Ob man diese Erkenntnis mit einem einzigen „Turmerlebnis“ beschreiben kann oder ob es nicht das Ergebnis eines langen Prozesses war, lässt sich heute nur schwer rekonstruieren. Die Botschaft aus Römer 1,17 („Der Gerechte wird aus Glauben leben“) veränderte Luthers Denken jedenfalls so stark, dass es wohl ohne diese Erkenntnis auch keine Reformation gegeben hätte. Luther erkannte, dass man das ewige Leben nicht durch Werke erarbeiten kann, sondern allein aus Glaube (sola fide). Dieser Glaube würde durch das Evangelium dargereicht. Das widersprach jedoch der Lehre der katholischen Kirche. Bereits Papst Bonifaz VIII. erklärte 1302, dass niemand selig werden könne ohne den Papst.

Martin Luther war von der Erkenntnis, dass der Gerechte allein durch Glauben, ohne Werke, leben würde, derart überzeugt, dass er später in seiner Übersetzung in Römer 3,28 das Wort „allein“ hinzufügte: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ Das mag nicht sehr weise gewesen sein, zeigt aber, wie wichtig diese Erkenntnis für die Reformation war. Heutigen Christen ist diese Erkenntnis derart geläufig, dass mancher fragen könnte, was denn an dieser Aussage der Heiligen Schrift so bahnbrechend war. Warum wurde sie die Grundlage für die Reformation?

Das lässt sich nur aus dem damaligen geschichtlichen Hintergrund erklären. Die Kirche hatte das ewige Heil des Sünders längst mit den Werken der Menschen und der Kirche als solcher verbunden. So war es möglich, dass man sich das Heil durch gute Taten oder durch das Erwerben von Ablässen (durch Geld, fromme Werke etc.) zu eigen machen konnte. Alles um Luther herum widersprach der neuen Erkenntnis, dass der „Gerechte allein aus Glauben leben würde“, eben ohne Werke. Der Papst war zu dieser Zeit kein Hirte der Schafe; er war ein Herrscher über seine Knechte; er mochte den Prunk, die Kunst und genoss das schöne Leben. Die Lehren der Heiligen Schrift interessierten ihn nicht und seine Kardinäle waren sittenlos.

Schon bei seiner Reise nach Rom (1510) erlebte Luther das für ihn Unfassbare. Sein Bild von Rom war dergestalt, dass er bisher das Papsttum und Rom im Allgemeinen für den Inbegriff der Geistlichkeit angesehen hatte. Er konnte nicht glauben, was er dann in Rom erlebte. Den Papst bekam Luther gar nicht erst zu Gesicht. Luther selbst ging zur Pilatustreppe (Scala Sancta) und betete kniend auf jeder Stufe das Vaterunser, weil er meinte, damit seine Angehörigen aus dem Fegefeuer beten zu können. Eine innere Stimme ließ ihn damals schon an der Richtigkeit dieses Verhaltens zweifeln. Enttäuscht über das, was er in Rom sah, trat er seine Reise in die Heimat an. Diese Erfahrungen hatten vorerst keine großen Auswirkungen, aber später halfen sie ihm, das Papsttum zu überwinden und nicht durch ein falsches Bild von Rom in seinem Gewissen gefangen zu sein. Luther schrieb: „Alles ist in Rom erlaubt, nur nicht, ein ehrlicher Mann zu sein.“ Nur auf diesem Hintergrund ist es zu verstehen, dass eine einzige Aussage der Heiligen Schrift („der Gerechte wird aus Glauben leben“) eine derartige tiefe Bedeutung bekommen konnte. Die Zeit war reif für eine Reformation. Martin Luther war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Der Ablasshandel

In den Jahren 1515–1519 blühte der Ablasshandel durch das Wirken von Johannes Tetzel richtig auf. Die Kirche brauchte dringend Gelder. Papst Leo X. wollte der Kirche zu Glanz und Ansehen verhelfen, indem er den Petersdom mit den Ablässen der armen Bevölkerung finanzierte. Durch die Ablässe konnte man mit Geld seine eigene Seele „freikaufen“ oder verstorbene Angehörige aus dem Fegefeuer befreien. Es ist unfassbar, dass die Menschen damals auf diesen Schwindel hereinfielen, und es ist umso erstaunlicher, dass das Wesen des Ablasshandels auch heute noch in der katholischen Kirche zu finden ist – allerdings nicht mehr in dieser Perversion des Mittelalters. Die Menschen damals sind dabei noch weniger verantwortlich, weil sie keine eigene Bibel zur Hand hatten. Sie vertrauten blind der Geistlichkeit, ja, sie hatten keine andere Wahl. Wie dankbar dürfen wir heute sein, dass jeder eine Bibel zur Hand nehmen kann. Jeglicher Handel mit Ablässen, auch mit den heutigen Ablässen der katholischen Kirche, sind direkte Angriffe auf das Evangelium der Gnade Gottes.

Luther predigte gegen den Ablasshandel

Luther predigte (ab ca. 1512) mittlerweile auch regelmäßig in der Schlosskirche von Wittenberg. Es war ihm ein Dorn im Auge, dass viele Gemeindeglieder nach Jüterborg und Zerbst reisten (zu Fuß ca. acht Stunden!), um eben diese Ablassbriefe zu erwerben. Luther predigte nun mehr und mehr gegen diesen Ablasshandel. Die ganze Abartigkeit dieses Geschäftemachens entlud sich in den 95 Thesen, die Martin Luther am 31. Oktober 1517, wie man sagt, an die Schlosskirche von Wittenberg schlug und den Erzbischöfen von Mainz, Meißen, Zeitz und Naumburg schickte. Diese Thesen verbreiteten sich in Windeseile, so dass sie bereits Ende des Jahres in der Schweiz, Frankreich und Italien gelesen wurden. Ein Geschichtsschreiber schreibt: „In weniger als vierzehn Tagen waren die Thesen Luthers in ganz Deutschland bekannt, und ehe noch vier Wochen vergingen, wurden sie von der gesamten Christenheit gelesen und angestaunt. Es war gerade, als wenn die Engel des Himmels selbst Boten gewesen wären und sie auf ihren Fittichen allen Menschen zugetragen hätten.“

Luther profitierte wie kaum ein anderer von der gerade erst entstandenen Buchdruckkunst. In kürzester Zeit war er in der ganzen Welt bekannt. Trotz seiner plötzlichen Berühmtheit verharrte er demütig als Augustiner-Mönch in Wittenberg, bis Gott ihn zu seiner Zeit auf den öffentlichen Schauplatz berief. Seine 95 Thesen beschäftigen sich in der Hauptsache mit der Abartigkeit des Ablasshandels.

Die Reformation im Herzen Luthers

Luthers eigene Reformation im Herzen vollzog sich Schritt um Schritt, und es wird auf dem Hintergrund des Ablasshandels verständlich, dass Sätze wie „Der Gerechte wird aus Glauben leben“ und „dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“ ihre tiefe Bedeutung entfalten konnten.

Diese Erkenntnis blieb aber nicht alleine stehen. Denn „allein aus Glaube“ (sola fide) ist nur die menschliche Seite der Wahrheit. Luther erkannte weiterhin, dass der Glaube ein Gnadengeschenk Gottes ist und dass es von Gottes Seite aus betrachtet „allein aus Gnaden“ (sola gratia) ist, wenn wir errettet werden.

Luther musste aber seine Erkenntnis untermauern, schließlich hatte er die ganze damalige christliche, aber auch politische Welt gegen sich. So berief er sich nicht auf irgendwelche Kirchenväter, Päpste oder Konzile, sondern stellte fest, dass diese schon oft geirrt hatten und sich sogar gegenseitig widersprachen. Luther formulierte es so, dass „allein die Schrift Königin sei“. „Sola scriptura“ war kein Lehrsatz Luthers, sondern er lebte diesen Satz und dadurch wurde er zum Lehrsatz. Als Luther am 17. April 1521 vor dem Reichstag in Worms stand und aufgefordert wurde, alle seine Schriften zu widerrufen, blieb er standhaft und sagte nach einem Tag Bedenkzeit folgende Worte:

Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der Heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Wort Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!

Die Heilige Schrift muss Maßstab und Richtschnur für jeden Menschen sein und so entstand die Lehre von der „Freiheit des Christenmenschen“. Damit meinte Luther, dass sich zwischen Gott und Mensch niemand stellen dürfe und dass Christus der einzige Heilsvermittler sei. Der Mensch ist frei, seinem Schöpfer direkt gegenüberzutreten, ohne Vermittlung einer Priesterschaft. Das heißt, „allein durch Jesus Christus“ (solus Christus) kann ein Mensch in Kontakt treten mit Gott, niemals durch die Vermittlung irgendwelcher Heiliger (z.B. Maria). Niemand dürfe sich zwischen das Gewissen des Menschen und Gott stellen; der Christ kann durch das Lesen des Wortes Gottes direkt auf die Stimme Gottes hören.

Luther war von dem Wunsch beseelt, dem normalen Volk eine Bibel in ihrer Sprache zu geben. In nur elf Wochen übersetzte Martin Luther in seinem Versteck auf der Wartburg (1521), seinem „Patmos“, wie er es später nannte, das Neue Testament in die deutsche Sprache. Auf Veranlassung des Kurfürsten Friedrich des Weisen von Sachsen wurde Luther auf seinem Weg von Worms nach Hause „überfallen“ (Luther war allerdings eingeweiht) und auf die Wartburg verschleppt, da man sich Sorgen um sein Leben machte. Dort tauchte er ein knappes Jahr unter und wurde als Junker Jörg bekannt. Weil er das Neue Testament so übersetzen wollte, dass es auch vom einfachen Volk verstanden werden konnte, musste er wissen, wie die Menschen reden. Deshalb mischte er sich unter die Menschen, um „dem Volk aufs Maul zu schauen“. Da er als junger Mann einige Jahre in Eisenach verbracht hatte und dort bekannt war, ließ er sich nun Haare und Bart wachsen, um nicht erkannt zu werden.

Das Neue Testament erschien bereits 1522 und die komplette deutsche Bibelübersetzung 1534. Dies war die Grundlage zum Ausleben der „Freiheit eines Christenmenschen“, wie Luther sie verstand. Die Reformation musste auf eine gesunde Grundlage gestellt werden. Bisher hatte Luther gesprochen, doch jetzt sprach Gott selbst durch sein Wort zu den Herzen und Gewissen der Menschen. Luthers Übersetzung verbreitete sich in Windeseile über die Landesgrenzen hinweg. Nur so konnte das Christentum von den abergläubischen Zutaten des römischen Papsttums befreit werden. Jeder wollte lesen lernen, die Schulsysteme blühten auf, und so hatte Luther unter der gütigen Hand Gottes etwas in Bewegung gesetzt, was nicht mehr aufzuhalten war. Die Bedeutung der Bibelübersetzung ins Deutsche, in Verbindung mit dem Aufkommen der Buchdruckkunst, muss man als die größte Errungenschaft der damaligen Zeit bewerten. Letztlich geht es doch auch für uns heute darum, das Wort Gottes zu haben oder es nicht zu haben.

Auch wenn Luther diese „solae“ (sola scripture, sola fide, sola gratia, solus Christus) nicht als ein zusammenhängendes Lehrstück verkündigte, waren es aber gerade diese „solae“, auf deren Grundlage die ganze Reformation entstehen konnte. Diese „solae“ reformierten zuerst das Herz Martin Luthers selbst und wurden dann die Grundlage zur Reformation der Kirche. Heute müssen wir sagen, dass zu diesen vier „solae“ noch „Soli Deo Gloria“ hinzugefügt werden muss, denn Luther bestätigte oft, dass „Gott allein die Ehre“ gebühre.

Luther legte das Fundament

Die Person Luthers ist noch heute eine große Faszination und nicht immer unumstritten. Ohne Luther hätte es keinen Pietismus, keine freikirchliche Bewegung und auch keine Brüderbewegung gegeben. Die Grundlage hat Martin Luther gelegt, andere haben weiter gearbeitet, mit großem Segen, aber auch mit mehr oder weniger großen Dummheiten. Auch Martin Luther beging diese Dummheiten. So sehr sein Werk zu schätzen ist, so darf man aber auch die dunklen Seiten nicht gänzlich unerwähnt lassen. Er schürte zum Ende seines Lebens (um 1543) einen Judenhass weiter, der nicht ohne Folgen blieb – bis in die Zeit des Nationalsozialismus.

Aber es ist müßig, sich über die negativen Seiten auszulassen. Wir wollen dankbar anerkennen, dass Gott diesen Mann mächtig gebraucht hat, um seine Ziele zu verfolgen. Wir sollten nicht vorschnell über solche Männer Gottes urteilen, denn die Heilige Schrift sagt: „So urteilt nicht irgendetwas vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch das Verborgene der Finsternis ans Licht bringen und die Überlegungen der Herzen offenbaren wird; und dann wird einem jeden sein Lob werden von Gott“ (1Kor 4,5).

Die Reformation im eigenen Herzen

Wie steht es mit uns? Sind wir heute noch wahre „Protestanten“? Denn so wurden jene genannt, die dem Beispiel Luthers folgten. Dieser Name kam auf, weil gläubige Fürsten und Christen aufstanden und protestierten, als die Frage des wahren Evangeliums zur Debatte stand. Auch wenn der Name Protestanten erst in den Zeiten der Reformation aufkam, so gab es schon immer Christen, die „protestierten“, wenn das wahre Evangelium angegriffen wurde. Sie wurden vielleicht nicht so genannt, aber sie waren wahre Protestanten; denken wir nur an die Waldenser, Albigenser, Wycliffiten bzw. Lollarden, an die böhmischen Brüder sowie an Jan Hus und an Hieronymus von Prag, um nur einige zu nennen. Und wir? Stehen wir noch auf, wenn das Evangelium angegriffen oder wenn zum Beispiel die Schöpfungsordnung Gottes mit Füßen getreten wird?

Was ist dazu nötig? Es beginnt, so wie auch bei Martin Luther, immer mit der Reformation im eigenen Herzen. Wir müssen einmal tief von der Boshaftigkeit und Sündigkeit der eigenen Natur überzeugt werden. Wenn wir verstanden haben, dass unser natürlicher Mensch zu nichts nützt, dass das „Fleisch“, das heißt der Mensch von Natur, durch und durch verdorben ist, dass wir hoffnungslos verloren sind, dann kann uns, wie bei Martin Luther, ein Licht aufgehen, dann sind wir offen für die gute Botschaft, für das Evangelium von Jesus Christus, dass uns allein durch Glauben (sola fide) ewiges Leben geschenkt wird. Dann beginnen wir, allein auf Christus zu schauen und auf das, was Er am Kreuz für uns getan hat (solus Christus). Wenn wir uns mit unserer Sünde zu Christus gewandt haben, dann werden wir mehr und mehr verstehen lernen, dass es allein die Gnade Gottes (sola gratia) ist, die uns errettet hat oder erretten will. Dann beginnen wir, Gott kennenzulernen als den barmherzigen und gnädigen Gott, der unser Vater geworden ist. Dann studieren wir fleißig allein die Heilige Schrift (sola scriptura), um den Willen Gottes für unser Leben kennenzulernen, noch mehr: um unseren Gott und Christus selbst immer besser kennenzulernen. Wir suchen in der Schrift, wie Luther einst sagte, alles, was „Christus treibet“. Und am Ende werden wir selbst ausrufen: „Soli Deo Gloria“ (Gott allein gib Ehre).

In diesem Sinne wünsche ich einen nachdenkenswerten Reformationstag! (31.10.1517)


Hinweis der Redaktion:

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