Leid und Katastrophen
Warum muss der Mensch leiden?

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 13.01.2020, aktualisiert: 23.10.2020

Leitvers: Römer 8,18

Röm 8,18: Ich halte dafür, dass die Leiden der Jetztzeit nicht wert sind, verglichen zu werden mit der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.

Einleitung

Das Thema Leid beschäftigt viele Menschen. Sie sitzen jeden Abend vor dem Fernseher und schauen sich die „Horrorschau“ – oh, Entschuldigung, ich meinte die Tagesschau – an. Den ganz normalen Wahnsinn registrieren wir nur noch, der nimmt uns schon gar nicht mehr mit. Dennoch gibt es immer wieder Meldungen, die uns vom Hocker reißen. Die uns fragen lassen: Warum?

Ich möchte sehr vorsichtig sein in dem, was ich sage. Wenn jemand gerade durch tiefes Leid geht, dann könnte man diese Worte hier schnell wie Dornen empfinden. Am Sterbebett eines Menschen hört das Theologisieren auf! Hiob kennen wir von der sogenannten Hiobsbotschaft; er erfuhr in seinem Leben unfassbares Leid. Als seine Freunde von seinem Leid überwältigt waren, setzten sie sich sieben Tage und Nächte mit Hiob zusammen auf den Misthaufen und sagten nichts.

Manches Leid ist erklärbar

Es gibt Leid, da müssen wir nicht nach dem Warum fragen. Wenn ein Kettenraucher Lungenkrebs bekommt, dann brauchen wir nicht zu fragen: Warum lässt Gott das zu? – Für vieles gilt: „Was irgend ein Mensch sät, das wird er auch ernten“ (Gal 6,7). Einmal wurde Jesus Christus in Bezug auf einen Blindgeborenen von den Jüngern gefragt, wer gesündigt hätte, er selbst oder seine Eltern? Jesus sagte: Weder noch, sondern damit die Herrlichkeit Gottes an ihm sichtbar würde (Joh 9,1-7). Ein anderes Mal wurde ein Lahmer geheilt, nachdem der Herr Jesus gesagt hatte: „Deine Sünden sind dir vergeben“ (Lk 5,18-26) – offensichtlich waren die Sünden des Lahmen ein Problem. Die Antwort auf die Frage „Warum das Leid?“ ist nicht immer einfach.

Dennoch gibt es Leid – wie zum Beispiel nach dem Attentat des Norwegers Anders Behring Breivik, der 2011 ca. achtzig junge Menschen auf einer Insel bei Oslo tötete –, auf das wir keine schnellen Antworten haben, und so werde ich ebenfalls nicht auf jedes Leid und auf jede Katastrophe in dieser Welt eine passende Antwort geben können.

Müssen wir alles erklären können?

Die Frage ist zudem, ob es auf all Fragen wirklich eine allumfassende und befriedigende Antwort gibt. Muss es diese Antwort überhaupt geben? Der leidgeprüfte Hiob bekam die Frage nach dem Warum nie beantwortet.

Wenn aber Gott Gott ist, dann muss Er allmächtig, allwissend, allgegenwärtig und unendlich gerecht und voller Liebe sein. Und wenn Gott nicht größer wäre als all unsere Theorien, die Ihn erklären sollen, dann wäre Er ebenfalls nicht Gott. Er müsste dann ein kleiner Gott sein, dessen Geheimnisse ich alle entschlüsseln könnte.

Es gibt ein paar Themen in der Bibel, da geht man besser auf seine Knie und betet mit dem großen Propheten Jesaja:

Jes 55,8.9: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR. Denn wie der Himmel höher ist als die Erde, so sind meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.

Doch das ist nicht alles, was wir zu diesen bohrenden Fragen sagen können. Denn Gott hat sich uns offenbart, Er lässt uns nicht völlig im Dunklen tappen. Er hat uns so viel Licht über dieses Thema gegeben, dass wir darin zur Ruhe kommen können, wenn wir nur bedenken, dass Gott Gott ist und wir unendlich viel kleiner sind als Er. Jemand erzählte folgende Geschichte:

Kreeft überlegte einen Augenblick. „Sehen Sie es doch einmal so“, setzte er erneut an. „Würden Sie mir zustimmen, dass der Unterschied zwischen uns und Gott größer ist als der Unterschied zwischen uns und, sagen wir, einem Bären?“
Ich nickte.
„Gut, dann stellen Sie sich jetzt einmal einen Bären in einer Falle vor und einen Jäger, der den Bären aus lauter Mitgefühl befreien möchte. Der Jäger versucht, das Vertrauen des Bären zu gewinnen, um ihn zu beruhigen, aber es gelingt ihm nicht, und er muss ein Betäubungsgewehr zur Hilfe nehmen. Der Bär glaubt jedoch, dass der Jäger ihn angreifen und töten will. Ihm ist nicht klar, dass der Jäger aus Mitgefühl handelt und Gutes im Sinn hat.
Um den Bären aus der Falle zu bekommen, muss der Jäger diese zunächst noch weiter zusammendrücken, um die Spannung der Feder zu lösen. Wenn der Bär zu diesem Zeitpunkt nicht bereits halb bewusstlos wäre, wäre er jetzt noch stärker davon überzeugt, dass der Jäger sein Feind und nur darauf aus sei, ihm Leid und Schmerz zuzufügen. Aber der Bär wäre trotzdem im Irrtum. Er käme zu dieser falschen Schlussfolgerung, weil er kein Mensch ist.“[1]

Kann es nicht möglich sein, dass auch wir angesichts des Leides und der Schmerzen auf dieser Welt manchmal falsche Schlussfolgerungen ziehen, weil wir eben nicht Gott sind?

Die Frage nach dem Leid ist nicht neu

Die Frage „Warum lässt Gott das Leid zu?“ ist nicht neu. Dabei ist es schon vielsagend, dass das erste Buch in der Bibel zwar das erste Buch Mose ist, aber das erste Buch, das geschrieben wurde, ist sehr wahrscheinlich das Buch Hiob, wo es unter anderem um die zentrale Frage des Leides geht.

Große Denker haben diese Frage gestellt, viele sind an dieser Frage gescheitert. Charles Darwin, der die Evolutionstheorie zu Ansehen gebracht hat, kam über das Leid nicht hinweg, als seine zehnjährige Tochter starb – ein Biograph sollte später schreiben: „Der Tod seiner Tochter läutete den Tod seines christlichen Glaubens ein.“ Dann beschrieb Darwin in seinem Buch Die Entstehung der Arten, wie man die Welt ohne Gott erklärt.

Ich las eine Geschichte von einem Mann, der Missionar in Bangladesch sein wollte, wo eine Hungersnot herrschte:

Er [der Missionar] ist zum lebendigen Glauben an Christus gekommen, und in seinem Feuereifer hat er sich gemeldet, um nach Bangladesch zu gehen, um in der Hungersnot, die dort damals herrschte, zu helfen. Und nach einigen Monaten, er war wirklich MIssionar von Herzen, nach einigen Monaten schrieb er mir einen ganz, ganz langen Brief über die dortige Situation. Er schrieb: „Hier bin ich. Ich stecke in den Reisfeldern hier. Wir stehen teilweise unter Wasser, aber es gibt kein reines Wasser. Kein Trinkwasser, nichts zum Trinken, das Wasser ist verseucht. Die meisten hier sind cholerakrank. Ein ganz hoher Prozentsatz. Sie sterben um mich herum wie die Fliegen. Ich habe keine Decken für sie, ich habe keine Zelte für sie. Ich habe kein Wasser für sie, ich habe kein Essen für sie. Ich habe keine Medikamente, und doch, als Missionar muss ich sagen: Gott hat euch lieb!“
So ein Widerspruch. Wissen Sie, der Mann hat einen Nervenzusammenbruch gehabt. Ein ganz stabiler junger Mann angesichts dieser Frage „Warum lässt Gott das zu?“. Schrecklich. Wissen Sie, was er getan hat? – In dem Zustand konnte er nicht weitermachen. Er war nur eine Belastung für die sterbenden Leute, und er ist nach England zurückgekommen und hat mich gefragt, ob ich ihm dabei helfen könnte, eine Stellung als Maurer zu finden. Nur, um das zu vergessen. All das Schreckliche, was er gesehen hatte.[2]

Diese bohrende Frage nach dem Warum ist keine einfache Angelegenheit. Gott hat nichts gegen Warum-Fragen. Große Männer in der Bibel stellten diese Frage, auch Hiob, und lernten Gott auf einzigartige Weise kennen. Habakuk fragt: „Warum lässt du mich Unheil sehen und schaust ohne einzugreifen zu?“ (Hab 1,3).

Die Allmacht und Liebe Gottes

Angenommen, ich hätte die Macht, die Hungersnöte in weiten Teilen Afrikas zu stoppen. Angenommen, ich hätte die Macht gehabt, den Tsunami vor Fukushima zu verhindern, die Kriege in der Welt zu stoppen oder das oben erwähnte schreckliche Attentat in Norwegen zu verhindern. Ich hätte es sofort getan und du hättest es auch getan. Aber die große Frage ist doch: Gott ist allmächtig, warum tut Er es nicht? „Warum schaust du [Gott] ohne einzugreifen zu?“ – Gott könnte etwas unternehmen, aber wahrscheinlich liebt Er uns nicht? Er will uns sicher bestrafen? Wir interessieren Ihn nicht? Also, Gott mag vielleicht allmächtig sein, aber dann kann Er nicht die Liebe sein. So denken manche. C.S. Lewis bringt das Problem auf den Punkt:

Wenn Gott gut wäre, würde Er seine Geschöpfe vollkommen glücklich machen wollen; und wenn Gott allmächtig wäre, würde Er imstande sein, zu tun, was Er will. Nun aber sind die Geschöpfe nicht glücklich. Darum fehlt es Gott entweder an Güte oder an Macht oder an beidem.[3]

Die Frage, die es also zu klären gilt, ist: Wenn Gott Liebe ist und wenn Gott allmächtig ist, warum gibt es so viel Leid in dieser Welt? Und was müssen wir daraus für eine Schlussfolgerung ziehen?

Es gibt keinen Gott – die Sache mit der Moral

Ob Atheisten, Marxisten, Kommunisten oder Materialisten, sie alle schlussfolgern: Es gibt gar keinen Gott. Alles entstand durch Zufall, aus der Ursuppe oder durch einen Urknall. – Aber ist man sich bewusst, was man da sagt? Wenn alles durch Zufall entstanden wäre, dann könnte das Resultat nie moralisch sein. Wenn alles Zufall wäre, dann könnte es kein Gut oder Böse geben. Woher kommt dann die Moral, das Gewissen, die Unterscheidung zwischen Gut und Böse?

Ich möchte das kurz erklären. Angenommen, ich stehe auf einer Brücke und ein Auto rast mit 200 Sachen vorüber, in dessen Reifen ein Stein eingeklemmt ist. In dem Moment, als es an mir vorbeirast, löst sich der Stein, trifft mich am Kopf und tötet mich. War das eine böse Tat? Die Leute würden sagen: Pech gehabt! – Niemals wäre das eine moralisch böse Tat gewesen. Wenn du jedoch einen Stein gegen mich aufgenommen und gesagt hättest: Von dem Stephan Isenberg habe ich genug, ich werde ihn mit diesem Stein töten, dann wäre das sehr wohl eine böse Tat gewesen – denn es ist moralisch nicht gut, einen Menschen zu töten.

Wenn alles durch Zufall entstand, dann müssten wir in einer Welt ohne Moral leben, alles wäre neutral, weder gut noch böse. Aber so einfach ist die Welt nicht; wir können sehr wohl unterscheiden zwischen Gut und  Böse. Die Theorie mit dem Zufall steht auf wackeligen Beinen. Wir sind ja keine Tiere, die sich gegenseitig fressen und dabei keine Gewissensbisse haben.

Es gibt keinen Gott – die Sache mit der leidenden Schöpfung

Andere sagen: Nein, wenn ich mich in der Schöpfung umsehe und das Leid und die Katastrophen sehe, dann kann es keinen Gott geben. – Doch ist dieses Argument wirklich so klug? Darauf sagt der bekannte Wissenschaftler A.E. Wilder-Smith:

Nach ihrem Maßstab [dem Maßstab der Heiligen Schrift] sollte ein Blick auf das Universum für jeden Menschen von durchschnittlicher Intelligenz genügen, um von der Existenz Gottes überzeugt zu werden, und sollte ferner dazu ausreichen, aus ihm einen eifrigen Gottesverehrer zu machen.[4]

Was steht nämlich in der Heiligen Schrift?

Röm 1,19.20: Das von Gott Erkennbare [die sichtbare Schöpfung] ist unter ihnen offenbar, denn Gott hat es ihnen offenbart, denn das Unsichtbare von ihm wird geschaut, sowohl seine ewige Kraft als auch seine Göttlichkeit, die von Erschaffung der Welt an in dem Gemachten wahrgenommen werden, damit sie ohne Entschuldigung seien.

Aha! Gottes Wort ist hier also ganz anderer Meinung. Gott kann in der Schöpfung erkannt werden! Und dann sehen wir die Bilder von Fukushima (Japan) und sagen: Wo kann ich dort Gott erkennen? Nein, wenn wir nach Japan schauen, dann kann ich nicht an einen Gott glauben, der in die Geschichte eingreift und die Menschen liebt. – Doch schauen wir zur gleichen Zeit an eine andere Stelle im gleichen Land, schauen die herrlichen Landschaften, die tollen Strände – wer hat das alles gemacht?

Es ist wahr, es gibt sehr viel Leid und Katastrophen auf dieser Welt. Aber es gibt doch noch so viel Gutes, dass es jedem möglich ist, in der Schöpfung einen Schöpfer zu erkennen.

Wir müssen damit leben, dass das Schöne neben dem Hässlichen, die Freude neben dem Leid, das Gute neben dem Bösen, die Schönheit der Natur neben den ungeheuer schrecklichen Naturkatastrophen existiert. Deswegen müssen wir nicht an Gott zweifeln.

Nehmen wir an, wir wären 1940 während des Zweiten Weltkriegs in Köln gewesen. Wir hätten dort den Kölner Dom bewundern können. Wir hätten die Baumeister, Maurer und Architekten für dieses phantastische Bauwerk gelobt und bewundert. Dann wären wir nach 1945 an denselben Ort gekommen: Der Dom ist von ca. siebzig Bombenangriffen gezeichnet. Wer würde wohl daran zweifeln, dass selbst die Ruinen nach einem weisen Baumeister und Architekt geradezu schreien? Niemand würde daran zweifeln, dass dieses zerstörte Bauwerk einen genialen Baumeister und Architekt hatte. Niemand würde sagen, dass diese Ruinen ein Produkt des Zufalls waren. Niemand würde auf die Idee kommen und sagen, das hätten die Baumeister genau so und nicht anders beabsichtigt.

Selbstverständlich wäre es eine große Torheit, anzunehmen, dass es keinen Schöpfer gibt, nur weil die Schöpfung nicht mehr in dem Ausgangszustand des „Es war sehr gut“ ist. Im Gegenteil: So wie die Überreste dieses genialen Bauwerks des Kölner Doms nach einem Architekten und Baumeister verlangen, so verlangt die Genialität der uns umgebenden Schöpfung nach einem Schöpfer.

Also: Wenn es Gott gibt, stellt sich weiterhin die Frage nach dem Warum

Wenn es also einen Schöpfer gibt, dann stellt sich die Frage immer noch: Warum lässt Gott diese schrecklichen Katastrophen zu und warum müssen viele Menschen scheinbar so sinnlos leiden?

Warum wenden wir uns bei Leid und Katastrophen eigentlich so schnell an Gott? Entspricht es der Fairness, Gott die Schuld offen oder verdeckt in die Schuhe zu schieben und Ihn auf die Anklagebank zu setzen? Wir fragen doch auch sonst nicht nach Gott. War es denn etwa Gott, der sich diese mörderischen Qualen wie z.B. den Holocaust hatte einfallen lassen?

Stellen wir uns vor, jemand kauft ein Auto und fährt in der Nacht mit 180 Stundenkilometern über die Autobahn und schaltet sein Licht nicht ein. Nun kommt es zur Katastrophe; ein Unfall mit vielen Verletzten und Toten ist die Folge. Wäre es nicht Torheit, zu denken, der Konstrukteur des Autos hätte einen Fehler gemacht? Der Konstrukteur hatte alles perfekt eingerichtet, er hatte für nächtliche Autofahrten ein perfektes Licht geschaffen, hatte den Schalter direkt in die Nähe des Fahrers platziert und in einem umfangreichen Handbuch jede Funktion genauestens beschrieben. Aber der Fahrer hielt sich nicht an die Vorgaben. Wer würde so töricht sein und denken, der Konstrukteur hätte Schuld an diesem Unfall?

Können wir Gott für die Armut auf dieser Welt verantwortlich machen? Ist Er schuld daran, wenn Menschen sich sinnlos abschlachten und durch Kriege unfassbares Leid geschieht?

Wenn wir ein hochkompliziertes Gerät zur Hand nehmen, schauen wir doch auch in die Bedienungsanleitung. Warum schauen wir nicht in das Handbuch unseres Schöpfers und befragen den Erfinder des Lebens, nach welchen Maßstäben wir leben müssen, um viel Leid in dieser Welt zu verhindern oder zumindest zu lindern? Wenn wir genau hinschauen, dann ist doch das meiste Leid dieser Welt selbstverschuldet. Wenn wir daran denken, wie viele Lebensmittel in den westlichen Ländern täglich vernichtet werden, dann können wir daran sehen, dass Gott für alle genug wachsen lässt. In der Regel scheitert es an der gerechten Verteilung. Gott hat genug für alle geschaffen, aber es scheitert an der gerechten Verteilung. In der Weihnachtsbotschaft heißt es: „Herrlichkeit (oder Ehre sei) Gott in der Höhe und Friede auf der Erden“ – wenn wir Menschen Gott doch mehr die Ehre und Herrlichkeit in der Höhe zukommen lassen würden, dann gäbe es auch mehr Frieden auf der Erde.

Warum passieren Katastrophen ohne menschliche Einwirkung?

Wir haben bis jetzt gesehen, dass es keine Alternative ist, an der Existenz Gottes zu zweifeln. Auch haben wir einen Eindruck bekommen, dass Leid und Katastrophen sehr oft selbstverschuldet sind. Damit ist allerdings noch nicht alles gesagt, denn was ist nun mit solchen Katastrophen, an denen der Mensch weitestgehend unbeteiligt ist wie bei dem schrecklichen Tsunami in Japan, der wohl am Ende mehr als zwanzigtausend Menschen in den Tod gerissen und einen ganzen Landstrich dem Erdboden gleichgemacht hat? Warum lässt Gott diese Art von Katastrophen zu?

Zum einen muss man auch hier die Frage stellen, ob der Mensch wirklich so unschuldig an diesen Katastrophen ist. Wie hatte Gott denn diese Welt im Anfang geschaffen? Im Schöpfungsbericht heißt es mehrfach: „Gott sah, dass es gut war“, und am sechsten Tag sagte Gott sogar: „Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“ (1Mo 1,31). Nicht nur eine einzige Blume war besonders gut gelungen, sondern alles war sehr gut. Damals gab es kein Leid und keine Katastrophen. Erst nach dem Sündenfall heißt es, dass der Erdboden auch Dornen und Disteln hervorbringen würde. Nach dem Sündenfall des Menschen war auch die Schöpfung in Mitleidenschaft gezogen worden. Deshalb heißt es im Neuen Testament im Römerbrief:

Röm 8,20.21: Die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen worden …, dass auch die Schöpfung selbst frei gemacht werden wird von der Knechtschaft des Verderbens … Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung mitseufzt.

Wir stellen also fest: Der Mensch ist an den unzähligen Katastrophen in der Natur nicht unbeteiligt. Der Mensch erntet nur, was er gesät hat. Der Mensch misstraute Gott, er ging eigene Wege, weil er dachte, Gott würde ihm etwas vorenthalten. Das war und ist bis heute die wirkliche Katastrophe.

Dennoch ist das nicht die einzige Antwort. In der Heiligen Schrift werden sieben Erdbeben erwähnt und jedes Mal ist damit eine ernste Sprache Gottes verbunden.[5]

Wenn Gott allmächtig wäre, könnte Er doch das Leid verhindern

Vielleicht dämmert es uns nun: Wir sind als Menschen an dem Leid und an den Katastrophen nicht unschuldig. Nun könnte man aber immer noch die Frage stellen, warum Gott in seiner Allmacht und Liebe nicht ins Mittel tritt und diese mörderischen Dinge der Menschen verhindert. Diese Frage ist wirklich nicht ganz einfach zu lösen. Aber wenn es nur diese beiden Begriffe gäbe –  Allmacht und Liebe –, dann wäre das Problem nicht ansatzweise zu lösen.

Aber wenn wir noch einen Begriff hinzunehmen, dann kann man doch mehr Licht in dieses Problem bekommen. Gott ist nämlich nicht nur allmächtig und ein Gott der Liebe, sondern Er hat dem ersten Menschenpaar auch einen freien Willen gegeben. Wenn der Mensch völlige Entscheidungsfreiheit hat, dann muss damit zwangsläufig auch eine Entscheidung verbunden sein, Gott entweder zu lieben oder sich von Ihm abzuwenden. Alles andere wäre nicht völlige Entscheidungsfreiheit, wäre nicht freier Wille.

Nun gut, aber jetzt könnten Kritiker fragen: Warum hat Gott denn den Menschen mit einem freien Willen geschaffen? Die Antwort können wir uns vielleicht schon selbst geben: Weil Er keinen Marionettenstaat im Sinn hatte. Gott hatte kein Interesse daran, einen Menschen zu schaffen, bei dem Er nur auf den richtigen Knopf drücken muss, so dass der Mensch das tut, was Gott will – so wie man in einen Automaten 50 Cent einwirft und unten Schokolade herauskommt. Gott wollte nicht auf einen Knopf drücken, um sich die Liebe seiner Geschöpfe zu sichern.

Ohne den freien Willen ist es unmöglich, wahre Liebe kennenzulernen – Liebe, die ungeheuchelt und freiwillig ist. Was wäre das für eine Liebe, wenn ich meine Frau zwingen würde, mich zu lieben. Stell dir vor, ich würde meiner Frau eine CD bespielen mit dem Satz „Ich liebe dich“. Ich schenke die CD meiner Frau – sie kann sich nun zu jeder Zeit anhören, dass ich sie liebe. Was wird meine Frau wohl dabei empfinden? Liebe muss aus dem Herzen kommen, aus einem inneren Antrieb, sie muss freiwillig, ungeheuchelt und echt sein. Das Wesen der Liebe ist gerade, dass sie auf völliger Entscheidungsfreiheit basiert – alles andere ist Vergewaltigung. Aber das Dilemma ist, dass gerade diese Entscheidungsfreiheit die Tür für einen bösen Weg öffnet.[6]

Der Preis für die Liebe ist, dass es die Möglichkeit einer Wahl gibt. Sollte Gott also die freie Wahl verbieten, hätte Er die Liebe „verboten“. Das ist ein Dilemma. Gott hat das Leid und die Katastrophen in Kauf genommen. Er hat das Leid aber nicht geschaffen oder ist gar Schuld an diesem Dilemma.  

Was tat Gott, als der Mensch die falsche Wahl traf?

Als Gott dann mit ansehen musste, wie der erste Mensch trotz Warnungen sich von Ihm entfernte und damit erntete, was er gesät hatte – was hat Er da gemacht? Der Mensch hatte gerade die Schöpfung Gottes verdorben. Hat Gott das Böse oder besser die Bösen dann vernichtet? Wir hätten das vielleicht gemacht. Gott ist doch allmächtig! Er hätte – wie es Pastor Wilhelm Busch einmal in seiner einzigartigen Art und Weise sagte – die Menschen mit Eisenbahnschienen erschlagen können (gut, die gab es damals noch nicht!). Dann wäre dieser Welt aller Jammer erspart geblieben. Das Böse wäre mit einem einzigen Schlag aus der Welt gewesen. Aber Gott ist ein Gott der Liebe, was hat Er stattdessen getan? Folgendes:

1Kor 13,4-7: Die Liebe ist langmütig, ist gütig; … sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, … sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.

Gott hat den Menschen nicht aufgeben, Er hat nicht einfach kurzen Prozess gemacht. Gott ist eben die Liebe, und dass wir noch leben, ist, weil Gott sehr geduldig und sehr langmütig ist. Er möchte aus diesem Verderben möglichst viele erretten.

Gott nutzt sogar sehr oft das Leid, um es in etwas Gutes zu verwandeln. Ich las dieser Tage den letzten Brief von Heinrich Graf von Lehndorff-Steinort. Er war beteiligt an der Operation Walküre, dem misslungenen Hitler-Attentat. Aus der Todeszelle schrieb er einen letzten herzzerreißenden Brief an seine geliebte Frau, die nicht wusste, dass ihr Mann in der Todeszelle zum Glauben gefunden hatte:

Und werden unsere Bitten nicht erfüllt, so müssen wir uns sagen, dass Gottes Wege nicht unsere Wege sind und wir nie wissen können, was für uns das Beste ist. Mein Engel, ich werde Dir in dieser Form fremd sein, aber glaube mir, diese Wochen haben mich wirklich gläubig gemacht und ich bin unendlich dankbar dafür. Der christliche Glaube und der Glaube an ein „himmlisches Reich“ sind das Einzige, was einem in der Not hilft. Ach, mein Liebes – … wie unendlich gerne würde ich jetzt mit Dir über alles sprechen. Der Weg dorthin führt aber wohl nur über Leid und es muss erst einmal alles gewaltsam von einem gerissen werden. Erst dann kann man eine neue Kreatur werden.Was für ein sündiger Mensch ich bisher war, ist mir erst jetzt klargeworden. Es ist sehr viel verlangt, dass der liebe Gott mir das alles verzeiht, wo ich doch erst zu Ihm gefunden habe, wo die wirkliche Not begann. Aber ich habe Ihn oft darum gebeten und glaube, dass Er mich erhört hat. Jedenfalls werde ich in diesem Glauben sterben, ohne Furcht und Angst.[7]

Unzählige Menschen sagen übereinstimmend, dass ihnen gerade die Not zum Segen wurde.

Gott könnte dem Leid also ein Ende machen. Aber es gibt noch etwas, warum Gott wartet, bevor Er diesem Leid und den Katastrophen ein Ende bereiten wird:

2Pet 3,9: Der Herr zögert die Verheißung nicht hinaus …, sondern er ist langmütig euch gegenüber, da er nicht will, dass irgendwelche verlorengehen, sondern dass alle zur Buße kommen.

Gott vergewaltigt die Menschen nicht, sondern Er möchte durch Güte und Liebe die Menschen zur Umkehr führen.

Auch dieser Artikel kann selbstverständlich keine vollumfänglich befriedigende Antwort auf die Frage des Leides geben. Aber ich hoffe, dass er uns genug Ansatzpunkte aufgezeigt hat, die uns glauben lassen, dass Gott trotz des Leids unendlich gut ist. Gott hat nie gesagt, dass wir Ihn verstehen müssten, sondern dass wir Ihm vertrauen sollen, und Er hat uns viele Gründe dafür gegeben, Vertrauen zu wagen.

„Habe ich etwa Gefallen am Tod des Gottlosen?, spricht der Herr, HERR, nicht vielmehr daran, dass er von seinen Wegen umkehre und lebe? … Denn ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden, spricht der Herr, HERR. So kehrt um und lebt! … So wahr ich lebe, spricht der Herr, HERR, ich habe kein Gefallen am Tod des Gottlosen, sondern dass der Gottlose von seinem Weg umkehre und lebe! Kehrt um, kehrt um von euren bösen Wegen!“ (Hes 18,23.32; 33,11)

 

Anmerkungen

[1] Lee Strobel, Warum? Wie kann ein liebender Gott Leid zulassen?, Asslar (Gerth Medien) 2008, 5. Aufl., S. 40–41.

[2] A.E. Wilder-Smith, „Leid, warum lässt Gott es zu?“, aus einem Vortrag in Luzern, Schweiz.

[3] C.S. Lewis, Über den Schmerz, Gießen (Brunnen-Verlag) 2005, 5. TB-Aufl., S. 23.

[4] A.E. Wilder-Smith, Warum lässt Gott es zu?, Neuhausen-Stuttgart (Hänssler Verlag) 1980, 4. TB-Aufl., S. 16; siehe auch: „Warum lässt Gott es zu?“.

[5] Siehe dazu den Artikel „Die Erdbeben in der Bibel“.

[6] Damit ist übrigens nicht gesagt, dass der Mensch in der heutigen Zeit immer noch einen freien Willen hat. Seit der Urkatastrophe im Garten Eden ist der Mensch nicht mehr frei in Fragen der Beziehung zu Gott. Dieses Thema wird näher besprochen in dem Artikel „Hat der Mensch einen freien Willen?“.

[7] Heinrich Graf von Lehndorff-Steinert, „Mein Geliebtestes!“.


Hinweis der Redaktion:

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