Ist das Wunder vom Roten Meer außerhalb der Bibel überliefert worden?
inkl. Auszug aus dem Buch „Die Bibel und das Alter der Erde“

R. Liebi / R. Wiskin

© Hänssler-Verlag, online seit: 01.02.2002, aktualisiert: 10.09.2018

Frage

Als damals das Volk Israel von den Ägyptern verfolgt wurde, kam das Heer der Ägypter und sein Pharao ja im Roten Meer um. Ist das irgendwo in der Geschichte erwähnt? Das muss doch große Wellen geschlagen haben, denn die Ägypter standen ja ganz plötzlich ohne Armee und ohne Pharao da. Ich zweifele das Ereignis nicht an, aber es interessiert mich einfach mal.

Antwort

Nein, diese Katastrophe ist in den ägyptischen Überlieferungen nicht mitgeteilt worden. Das ist auch normal. Die Völker des Altertums haben ihre Triumphe und Siege auf Steinen für die Nachwelt versucht zu erhalten. Niederlagen waren nicht „in“ und wurden nach Möglichkeiten ausgeblendet. Ein Parallelbeispiel: Man hat Prismen des Assyrerkönigs Sanherib gefunden, auf denen er viele Städte in Israel erwähnte, die er erobert hatte (vgl. Jes 36,1). Von Jerusalem sagte er, er habe Hiskia eingeschlossen„wie einen Vogel im Käfig“. Er sagt aber nichts davon, dass er Jerusalem erobert hätte. Er hatte Jerusalem ja gar nicht erobern können. Der Engel des HERRN erschlug schließlich 185.000 seiner Soldaten, so dass Sanherib schmählich abziehen musste (Jes 37,36). Kein Wort davon auf der Inschrift! Doch zwischen den Zeilen finden wir Sanheribs Niederlage dennoch: Er konnte Hiskia nur (für eine kurze Frist) „einschließen“, aber er war unfähig, die Hauptstadt Judäa zu erobern.

 


 

Hier noch ein weiterer Beitrag zu obigem Thema von Richard Wiskin
(aus Die Bibel und das Alter der Erde, Hänssler-Verlag)

Biblische Geschichte von ägyptischen Inschriften bezeugt?

These: Wenn die Fehler in der Chronologie Manethos sowie die der neuzeitlichen Darstellungen der ägyptischen Chronologie berücksichtigt werden, gibt es nicht nur eine Übereinstimmung mit der Chronologie der Bibel, sondern es erscheinen auch an passenden Stellen in der ägyptischen Geschichte Hinweise für Joseph und die Hungersnot sowie für Mose, die Plagen und das Ertrinken des Pharao und seines Heeres [Courville 1971 / Schirrmacher 1991].

Auch wenn die meisten evolutionsorientierten Forscher bis jetzt die biblische Geschichte und Chronologie auf dem Altar der ägyptischen Geschichte „geopfert“ haben, müssen Bibelgläubige dennoch überhaupt nicht zurückweichen. Schirrmacher erklärt:

Wenn man … die ägyptische und die israelitische Chronologie aufeinander beziehen will, muss man sich zuerst bewusst machen, dass man zwei ungleiche Größen miteinander vergleicht. Die „ägyptische“ Chronologie ist nicht ägyptisch, sondern modern. Die Ägypter selbst haben keine Chronologie hinterlassen. Ihre Religion und ihr Geschichtsverständnis waren nicht dazu angetan … [siehe Kurzkommentar von Roger Liebi am Ende; Anm. d. Red.]. Die späteren Pharaonenlisten bieten im besten Falle Regierungsjahre von einzelnen Herrschern. Zudem gibt es viele verschiedene solcher Listen. Kein Wunder, dass sich die „ägyptische“ Chronologie je nach Forschungslage immer wieder ändert und in den letzten Jahrzehnten immer mehr verkürzt wurde. Ganz anders dagegen die israelitische Chronologie. Aufgrund des alttestamentlichen Geschichtsverständnisses, das das Geschichtsverständnis der christlichen Welt bis heute geprägt hat, werden uns Geschichte und Chronologie Israels im Alten Testament selbst vorgelegt. Auch wenn es hier Auslegungsfragen und Handschriftenprobleme gibt, steht die Chronologie im Vergleich zur ägyptischen Chronologie fest. [Schirrmacher 1991: 391 (Hervorhebung im Original)]

Die Thesen und die vorgeschlagene Chronologie Courvilles, die für den deutschsprachigen Leser von Schirrmacher zusammengefasst werden, gehen davon aus, dass biblische Personen und Ereignisse sehr wohl in Ägypten bezeugt werden und identifiziert werden können, wenn man sich nicht an der herkömmlichen ägyptischen „Chronologie“ festklammert.

Wer war der Großwesir Mentuhotep?

Nach Courvilles revidierter Chronologie wäre Sesostris I der ägyptische Pharao, dessen Träume von den sieben fetten und sieben mageren Kühen von Joseph als sieben fette Jahre und sieben Hungerjahre gedeutet wurden. Unter Sesostris I gab es einen zweiten großen Mann (Wesir) im Reich – Mentuhotep –, dessen Position im Reich der des Joseph stark ähnelt. Das Ausmaß seiner Vollmachten ist in der Geschichte Ägyptens einmalig – hier einige seiner Titel nach ägyptischen Quellen:

Wesir / Oberrichter /Aufseher der zweifachen Getreidespeicher / Oberster Schatzmeister / Gouverneur des königlichen Palasts / Träger des königlichen Siegels / Aufseher aller königlichen Werke / Erbprinz / Führer des Volkes / Geber des Guten – Lebenserhalter des Volkes / Graf /Alleiniger Getreuer und Liebling des Pharao [Courville 1971:142]

Von diesem ersten Minister bzw. obersten Beamten Sesostris I wird ferner berichtet: „Bei seiner Ankunft haben alle hohen Persönlichkeiten an der Eingangspforte des königlichen Palasts sich vor ihm verneigt“ [Courville 1971:142].

Die Stellung Mentuhoteps lässt sich ohne Weiteres mit der Josephs vergleichen bzw. gleichsetzen:

„Und zu Joseph sagte der Pharao: Nachdem dich Gott dies alles hat erkennen lassen, ist keiner so verständig und weise wie du. Du sollst über mein Haus sein, und deinem Mund soll mein ganzes Volk sich fügen; nur um den Thron will ich größer sein als du. Und der Pharao sagte zu Joseph: Siehe, ich habe dich über das ganze Land Ägypten gesetzt. Und der Pharao nahm seinen Siegelring von seiner Hand und steckte ihn an Josephs Hand, und er kleidete ihn in Kleider aus Byssus und legte die goldene Kette um seinen Hals. Und er ließ ihn auf dem zweiten Wagen fahren, den er hatte, und man rief vor ihm her: Werft euch nieder! So setzte er ihn über das ganze Land Ägypten“ (1Mo 41,39-43).

Als Widerspiegelung seines engen Verhältnisses mit dem Pharao hat Joseph sich selbst sogar als „Vater des Pharao“ [1Mo 45,8] bezeichnet.

Ob Mentuhotep einer von mehreren ägyptischen Namen für Joseph war?

Nach Courvilles Rechnungen hatte es während der Regierungszeit Sesostris’ I auch eine Hungersnot gegeben, die sogar vorausgesagt wurde. Während der Regierung von Amenemhet I oder seines Sohnes Sesostris I wurde ein Kanalbau parallel zum Nil in Angriff genommen, um die Fläche des benutzbaren Bodens erheblich zu vergrößern. Obwohl dieses Bauwerk nicht präzis datiert wird, könnte man sich vorstellen, dass es in Zusammenhang mit der Hungersnot zu Josephs Zeit gebracht werden kann.

Courvilles zahl- und umfangreiche Werke (siehe Schirrmacher für eine ausführlichere Liste), das Produkt von fünfzehn Jahren Forschung, bieten viele Denkansätze an und zeigen eindrücklich, wie verheißungsvoll und faszinierend eine bibelorientierte Geschichtsforschung sein kann. Dass er jedoch nicht vom Fach ist (Courville studierte Theologie und promovierte in Chemie) und weitgehend im Alleingang gearbeitet hat, macht sich natürlich für den Facharchäologen bemerkbar. Solche Fragen sind derart komplex, dass sie heutzutage eigentlich nur im Rahmen einer interdisziplinären Teamarbeit befriedigend angegangen werden können. Genau dies geschieht im Rahmen eines Forschungsprojekts am University College London.

Die alternative Chronologie („New Chronology-Model“) Ägyptens

These: Das Neue Reich Ägyptens (konventionelle Datierung: 1550 bis 1070 v.Chr.) muss bis zu 350 Jahre herunterdatiert werden (alternative Chronologie: 1200 bis 800 v.Chr.) [Rohl 1989–90/1991–92].

Als unerwartetes „Nebenprodukt“ dieser mühsamen Unternehmung kommen viele Parallelen zwischen der ägyptischen Geschichte, palästinischen Archäologie und der Bibel ans Licht. U.a. findet man:

  1. Anzeichen, dass es Joseph als Unterkönig in Ägypten gegeben hat (sein Grab und Palast wurden wahrscheinlich vor einigen Jahren in Tell ed-Daba entdeckt [Wenn diese Aussage stimmt, dann wurde dieses Grab jedoch leer gefunden, weil Josefs Gebeine mit nach Kanaan genommen wurden, siehe Josua 24,32; 1. Mose 50,26; Anm. d. Red.] – späte 12. Dynastie).

    Nach der alternativen Chronologie handelt es sich hier nicht um Courvilles Mentuhotep, sondern um einen Wesir zur Zeit des Pharao Sesostris III bzw. Amenemhet III. Auch in dieser Zeit sind große Arbeiten an den Bewässerungsanlagen von Faiyüm unternommen worden.

  2. Ägyptische Texte aus der 13. Dynastie erzählen über semitische („Israeliten“?) Sklaven in Ägypten.

  3. Neue Ausgrabungen in Tell ed-Daba („Raámses“) unterstützen die Annahme, dass die Israeliten dort zu dieser Zeit gelebt hatten und dass es den Exodus (Auszug aus Ägypten) gegeben hat.

  4. Jericho war eine befestigte Stadt und wurde zerstört während der Mittelbronze-Zeit.

  5. Saul, Ischba’l (d.h. Ischbaal bzw. Is-Boseth, einzig überlebender Sohn Sauls) und David sind bekannt aus Briefen (El Amarna-Briefe) aus der Zeit Pharao Echnatons (nun ca. 1010 v.Chr.).

  6. Die Schichten des Spätbronze II-B-Alters in der Palästinischen Archäologie deuten auf eine Hochkultur zur Zeit Salomos.

  7. König Schischak (vgl. 1Kön 14,25.26) war nicht Schoshenq I (konventionelle Chronologie), sondern Ramses II (Kurzname Schischa). Ramses eroberte tatsächlich Jerusalem in seinem 8. Regierungsjahr [van der Veen 1994].

Auch wenn die volle Bedeutung der erwähnten sieben Punkte nicht jedem auf Anhieb bewusst ist, soll betont werden, dass es sich dabei in jedem Fall um Ereignisse, Personen oder Orte handelt, wegen derer die Bibel von vielen Wissenschaftlern bis dahin in Frage gestellt wurde, da man von der herkömmlichen ägyptischen Chronologie ausgegangen ist. Stellt die Bibel u.a. die Regierung von König Salomo als ein goldenes Zeitalter dar, so wird dies weitgehend von der heutigen Wissenschaft in Frage gestellt. Die archäologischen Schichten des 10. Jahrhunderts v.Chr. (innerhalb der herkömmlichen Chronologie) zeugen nämlich, im klaren Widerspruch zur Bibel, von einem sehr einfachen und wenig luxuriösen Lebensstandard in Israel zu dieser Zeit. Nach der alternativen Chronologie passen aber die materiellen Zeugen einer Hochkultur während der Spätbronzezeit wie ein Puzzlestück genau ins Bild.


Aus Die Bibel und das Alter der Erde, Hänssler-Verlag, 1999, S. 58–63

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